Die Tauben von Tinos

Viehzucht hat in Griechenland eine lange Tradition. Vor allem auf dem Land ist die Aufzucht von Ziegen, Schafen und Geflügel auch heute noch sehr verbreitet. Auch wer kein Bauer ist, hält sich hier ein paar Hühner, Enten, Gänse oder vielleicht zwei drei Ziegen hinterm Haus. Weniger bekannt ist, dass auf den Kykladen jahrhundertelang auch Tauben gezüchtet wurden.

Taubenpaläste

Einer der tausend Tabenpaläste von TinosEindrucksvolle Beweise dafür befinden sich auf Tinos. Mehr als 1.000 Taubenschläge gibt es heute noch auf der Insel. Es sind eher Taubentürme als Taubenschläge – besser gesagt Taubenpaläste. Denn die strahlend weißen zwei- oder dreistöckigen Bauwerke mit ihren zierlichen Ecktürmchen sehen wie Minischlösschen aus. 200 bis 500 Vögel können in den bis zu 6 Meter hohen und etwa 12 qm großen steinernen Unterkünften nisten.

Die Architektur der Gebäude ist einheitlich: Im Erdgeschoss befindet sich ein Raum für Werkzeuge. Die Nester erreichen die Tauben über eine Öffnung im Boden. Im oberen Teil besteht die Fassade aus Hunderten von Schieferplatten, die kunstvoll zu hohlraumreichen geometrischen Mustern zusammengefügt wurden. Sie gelten als die schönsten Taubenhäuser der Welt. Und sie sind nicht an die Wohnhäuser angeschlossen sondern stehen auf freiem Feld in den Ebenen der Insel.

Geschichte

Die Tauben wurden von den Veneziern eingeführt, die die Kykladeninsel 500 Jahre lang (1207-1714) beherrschten. Nachdem die Venezier die Insel verlassen hatten, züchteten die Einwohner der Insel weiter Tauben. Diese waren mittlerweile längst zu einem Teil des Insellebens geworden und hatten eine wichtige Funktion im Alltag der Bewohner. Weniger als Briefträger, als welche sie von den Veneziern gehalten wurden, denn als Fleischlieferant. Das zarte Taubenfleisch ergänzte als Proteinlieferant die Küche von Tinos. Wichtigster Wirtschaftsfaktor war jedoch die Produktion des Taubendungs, der auch exportiert wurde.
Bemerkenswert ist ebenfalls, mit welcher Nachhaltigkeit die Taubenzüchter auf Tinos schon damals arbeiteten: Einerseits verwendeten sie die Abfallstoffe der Wein- und Tsipouroherstellung als Taubenfutter. Andererseits wurde der Taubenmist dann wieder als hochwertiger Dünger im Weinanbau eingesetzt.

Kykladeninsel Tinos

Die Insel Tinos mit ihren 50 Dörfern auf 195 Quadratkilometern Grundfläche hat heute etwa 8.600 Einwohner und gilt als die größte Wallfahrtsstätte Griechenlands. Ausländische Touristen sieht man hier selten. Im vergangenen Jahrhundert zählte die Insel noch 20.000 Einwohner, und man geht davon aus, dass es etwa pro 20 Personen einen Taubenschlag gab. Obwohl das Taubenzüchten mittlerweile nicht mehr so populär ist, werden einige der schmucken Häuschen aber auch heute noch von Tauben bewohnt.

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Wer ist Maria-Efthalia?

Maria-Efthalia Tsoukis ist in Deutschland geboren und aufgewachsen. Mittlerweile lebt sie seit über 13 Jahren in Griechenland, spricht beide Sprachen und fühlt sich in beiden Kulturen zu Hause. Hauptberuflich betreibt sie die Personaldienstleistungsagentur Gefyra für griechische Ingenieure. Besonders am Herzen liegt ihr der Austausch, das Verständnis und die Vermittlung zwischen Griechen und Deutschen.

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